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Hollywood Sign, vom Boulevard der Dämmerung aus gesehen
Wieder in Los Angeles, einer Stadt, die sich bei jedem Besuch verändert. War Downtown 1990 noch fast ein “No Go Area”, für dessen Besuch die Reiseführer äußerste Vorsicht anrieten, sieht man heute den Stahl- und Glasglanz, den man von anderen Cities her kennt. Das Facelifting hat eine eigene Prägung, denn die knapp 13 Millionen Einwohner von “Greater L.A.” leben paradoxerweise in einer eigentlich unbewohnbaren Wüste, wenn man die natürlichen Ressourcen betrachtet. Das prägt. Sie erfinden mehr, als sie kopieren. Es gibt noch mehr Widersprüche, als einen ganzen Fluss umzuleiten (siehe auch die Reportage über den Colorado River in der gedruckten Ausgabe), die die Stadt interessant machen.
 Wurde man (also ich) vor fast 20 Jahren noch beinahe auf dem Mallparkplatz überfahren, weil niemand mit Fußgängern rechnete, gibt es heute eine Metro – die aber kaum jemand benutzt. Lieber stellt man sich in den kollektiven Stau während der Rush Hour und lässt die Metro klimatisiert und spärlich besetzt auf ihrer eigenen Trasse vorbeirauschen. Los Angeles, die Stadt, die einmal alles dem Auto untergeordnet hat, schafft eine Infrastruktur, weil sie die strengsten Abgasvorschriften durchsetzen will, um den Smog zu begrenzen.
Los Angeles funktioniert eindeutig nach dem “Simcity”-Prinzip. Verfall, Abriss und Neuanfang finden nebeneinander statt und werden von einer planenden Macht ausgelöst. Die kreativen “Sims” zeigen ihre Meinung, indem sie die angebotenen Einrichtungen nutzen – oder eben (noch?) nicht.
Hinweise darauf kann man finden, wenn man z.B. einfach das Hollywood Sign fotografieren will und im Laufe eines langen Tages im quirligen Touristenzentrum irgendwo um den “Walk of Fame” den Stadtplan verloren hat. In Sichtweite des runden Hochhausklassikers der “Capitol Records” stellen wir unseren konventionell angetriebenen Benzinverbrenner neben einen riesigen SUV mit Hybridantrieb. Wenn man bedenkt, dass in Silicon Valley schon die Prototypen alltagstauglicher und leistungsfähiger Elektroautos erprobt werden, kann man sich vorstellen, dass die Los Angelenos ihre individuelle Bewegungsfreiheit verteidigen werden.
Als wir die Steigung der Ivan Street erklommen haben, sehen wir keine weißen Buchstaben, sondern einen Freeway losangelenischer – das heißt: für Fußgänger unüberwindlicher – Ausmaße vor uns. Ein einzelner Passant bewegt sich auf uns zu. Auf die Frage, von wo aus man einen freien Blick auf das Hollywood Sign habe, läuft er ein bisschen auf und ab, fuchtelt herum, zeigt auf das Gebäude auf dem Hügel und meint: “Von dem Dach da oben.” Wahrscheinlich steht auf meiner Stirn “Willst du mich auf den Arm nehmen?” in der Ausführung “Neonsign”, denn er schiebt ein “C'mon, let's go. It's my house” hinterher. So landen wir auf dem Dach des “Chateau Alto Nido”, einem Symbol für Niedergang und Aufbau, wie es für Hollywood nicht besser passen könnte.
Nicht der Besitzer (die Vokabel “my” hat viele Nuancen), aber der “Manager” des heute als Appartmenthaus genutzten ehemaligen “Hollywood's Premiere Apartment Hotel” erzählt uns die Geschichte seines Anwesens. 1930 erbaut, wohnten hier vorzugsweise Filmstars in großzügigen Räumen. Wir stehen vor der Tür, hinter der einst Stummfilmstar Charles Chaplin logierte. Das Haus war teilweise Kulisse in dem 1949 gedrehten Film “Sunset Boulevard” (deutscher Titel: “Boulevard der Dämmerung”), in dem Regisseur Billy Wilder die Machenschaften der Traumfabrik Hollywood sarkastisch spiegelte. Die Ära des Stummfilms war wegen der neuerdings verfügbaren Tonspur zu Ende, viele der alten Stars wurden zugunsten neuer Gesichter abserviert.
Wer weiß, ob unser junger Manager nicht auch Drehbücher schreibt oder von einer Filmrolle träumt, während er über den Bau der Walt Disney Concert Hall berichtet? Der Glanz vergangener Tage ist in Hollywood längst vorbei, was aber nicht heißt, dass es keine Möglichkeiten mehr gibt, in einer Sparte des Showbiz unterzukommen. Dass es die meisten nicht schaffen und vollkommen normal bis manchmal unerfreulich leben, tut der Leichtigkeit der Hoffnung keinen Abbruch.
Neu im Stadtbild sind die locker-aggressiv auftretenden Hip-Hopper, die ihre Produktionen direkt vermarkten, indem sie einem einen Kopfhörer aufsetzen und ihre Silberscheiben angeblich verschenken wollen, um hinterher mit Nachdruck zu einer “Spende” aufzufordern.
Der bunte Vogel, der in Venice im langen Mantel auf Inlinern herumkurvte und dabei auf seiner bunten E-Gitarre Jimi-Hendrix-Riffs aus dem batteriebetriebenen Amp in die Pazifikbrise blies, ist nicht mehr unterwegs. Dafür gibt es tätowierte Akrobaten und Artisten, die McCain beleidigen, weil Obama ihre Hoffnungen trägt. Der (Körper)kult ist geblieben, die Personen wurden ausgewechselt. Das vitale Viertel kann gleichzeitig Betriebsausflugsziel des “Los Angeles Police Department” (LAPD) und Promenade sein, auf der einem hin und wieder die Rauchfahnen verbrannter verbotener Substanzen in die Nase wehen; gleichzeitig nerviges Großstadtgedränge und Ort besinnlicher Ruhe.

“Endlich verstehe ich auch, warum du sagst: 'L.A. ist anders'”, kommentiert mein Reisepartner meine Haltung als “Nicht-L.A.-zugunsten-von-San- Francisco-Verteufler”. Berauscht von reiner Ozeanluft scheint ihm das beim Sundown am großen “V” am Strand klargeworden zu sein, das den Seefahrern die Lage von Venice Beach anzeigt.
Was das Hollywood Sign angeht, habe ich es zum ersten Mal fotografiert. Wer weiß, ob es beim nächsten Besuch noch da ist.
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